Akustischer Stolperstein für Charlotte Joël

Charlotte Joël

  • Geboren am 13. 09. 1887 in Berlin
  • Deportiert am 19. 04. 1943 nach Auschwitz-Birkenau, dort vermutlich ermordet


Was bleibt von Charlotte Joël, sind ihre Fotos. Von ihr selbst ist keines überliefert. Gäbe es ihr Werk nicht, sie wäre fast spurlos verschwunden. Mühsam nur lassen sich Fundstücke über sie zusammentragen. Darunter ihr Stolperstein im Hansa-Viertel, ein knapper Wikipedia-Eintrag, ihre Signatur, das Firmenschild, Zitate in Briefen von Clara Grunwald.

Die Charlottenburgerin Charlotte Joël wächst auf in einer mütterlicherseits kulturell anregenden Gesellschaft. Ihre Mutter Gertrud ist Apothekenhelferin, später wissenschaftliche Angestellte beim Städtischen Medizinalamt Berlin. Ihr Vater Georg, ein Bankkaufmann, stirbt bereits 1900 durch Selbstmord. Sehr nahe steht ihr der jüngere Bruder Ernst, der, sozial engagiert, ein angesehener Oberschularzt wird und seine Schwester unterstützt, die den Beruf der selbständigen Fotografin wählt.

Ab 1913 führt Charlotte Joël zusammen mit der Fotografin Marie Heinzelmann ihr Fotoatelier in der Hardenbergstraße, Nähe Bahnhof Zoo. Vermutlich bis zu den Novemberpogromen scheint die Zusammenarbeit der beiden Frauen gedauert zu haben, spätestens dann machen die Nationalsozialisten der jüdischen Fotografin das Arbeiten endgültig unmöglich.

Charlotte Joël zieht zu ihrer Freundin Clara Grunwald, eine bedeutende Montessori-Pädagogin, ebenfalls Jüdin mit Berufsverbot. Sie leben ab 1941 in Gut Neuendorf, das in den 1930er Jahren zur Hachschara-Bewegung gehört und zum NS-Zwangsarbeiterlager umfunktioniert wird. Auch dort entstehen Porträts, nach täglich vielen Stunden Zwangsarbeit, heimlich, denn der Besitz eines Fotoapparats ist im Lager verboten.

Am 19. April 1943 wird Charlotte Joël mit dem 37. Osttransport gemeinsam mit Clara Grunwald (beide mit dem Zwangsnamen „Sara“ und den Transportnummern 404 und 405 versehen) in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.

Ihre Kunst rettet Charlotte Joël vor dem vollständigen Vergessen. Eine ihrer Spezialitäten sind Kinderfotos, die weite Verbreitung finden auf Postkarten, in Kalendern, Wochenblättern, Illustrierten und durch die Ausstellung „Gesunde Nerven“ ihres Bruders.

Ein Bildband von Kohlert/Pfäffgen, zeigt, wie meisterinnenhaft die Fotografin die Porträtierten einfängt, nüchtern und schmucklos, ohne Effekte, reduziert auf das Wesentliche. Auf dem Titel springen die Prominenten Karl Kraus und Walter Benjamin ins Auge. Deren sehr bekannte Porträts sind es, die heute hauptsächlich an Charlotte Joël erinnern. Aber auch Martin Buber, Bernhard Minetti, die Komponistin Ilse Fromm-Michaels, die Musikerin Ursula Hildebrand, die Primaballerina und Ballettmeisterin der Deutschen Oper Mary Zimmermann sowie die ihrerzeit noch unbekannte junge Marlene Dietrich sitzen vor ihrer Linse.

An der Neuen Nationalgalerie, Berlin, wurde auf Charlotte Joël in einer Performance am 8. März 2022 aufmerksam gemacht – link